Raus mit dem Alten — rein ins System — Kreislaufwirtschaft am Bau
Ingenieurwissenschaften

Raus mit dem Alten — rein ins System — Kreislaufwirtschaft am Bau

Gebäude fallen, Tonnen entstehen — doch Bauschutt ist mehr als Abfall. Beton, Ziegel und Gips stecken voller Rohstoffe, die im Kreislauf gehalten werden können. Dieser Vortrag zeigt, wie Kreislaufwirtschaft am Bau funktioniert, warum sie dringend nötig ist — und welche Forschung dafür sorgt, dass aus Abbruchmaterial von morgen der Baustoff von übermorgen wird.
Beginn 19:45 Uhr
Ende 20:15 Uhr

Auf einen Blick

Technische Universität Dresden (TUD)
Fachrichtung Hydrowissenschaften
Chemische Institute 2.BA
Hörsaal 2 (CHE 091)
Bergstraße 66
01069 Dresden (Dresdner Süden)
Dr. Benjamin Schwan, Mitarbeiter am Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft
30 Min
Webseite

Beschreibung

Jedes Jahr fallen in Deutschland Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle an. Wände werden eingerissen, Fundamente gesprengt, Dachstühle demontiert — und was übrigbleibt, wandert als Bauschutt in Deponien oder wird zu Schotter für den Straßenbau verarbeitet. So weit, so unspektakulär. Und doch steckt in diesem scheinbar wertlosen Material eine enorme Chance: denn Bauschutt ist kein Abfall. Er ist ein Rohstofflager.

Die Dimension des Problems
Der Bausektor ist einer der ressourcenintensivsten Wirtschaftszweige überhaupt. In der Europäischen Union entstehen jährlich rund 370 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle — das entspricht etwa einem Drittel des gesamten Abfallaufkommens. Deutschland ist mit rund 220 Millionen Tonnen pro Jahr der größte Erzeuger in Europa. Zum Vergleich: Der gesamte Hausmüll aller deutschen Haushalte macht davon nur einen Bruchteil aus.
Was steckt drin? Beton und Mauerwerksmaterialien machen den Löwenanteil aus, dazu kommen Holz, Metalle, Glas, Gips und Dämmstoffe. Viele dieser Materialien könnten — mit dem richtigen Aufwand — in hoher Qualität zurückgewonnen und wiedereingesetzt werden. Stattdessen landet der Großteil im sogenannten Downcycling: Der Bauschutt wird zerkleinert und als minderwertiger Recycling-Schotter verwendet, zum Beispiel als Unterbau für Straßen. Wertvolle Rohstoffe gehen dabei dauerhaft verloren.

Was bedeutet Kreislaufwirtschaft am Bau?
Kreislaufwirtschaft — auf Englisch Circular Economy — ist kein modisches Schlagwort, sondern ein grundlegendes Umdenken in der Art, wie wir mit Materialien umgehen. Die Idee ist einfach: Was einmal hergestellt wurde, soll so lange wie möglich im Kreislauf bleiben — erst als Produkt, dann als Bauteil, dann als Rohstoff. Wegwerfen ist der letzte Ausweg, nicht der erste.
Am Bau bedeutet das konkret: Ein Gebäude soll nicht einfach abgerissen, sondern selektiv rückgebaut werden. Statt alles auf einmal zu Schutt zu machen, werden Bauteile systematisch demontiert — Fenster, Türen, Stahlträger, Dachziegel. Was sich wiederverwenden lässt, wird direkt weitergenutzt. Was dafür nicht mehr geeignet ist, wird in seine Materialien zerlegt und als Sekundärrohstoff aufbereitet. Recycelter Beton zum Beispiel kann als hochwertiger Zuschlagstoff in neuem Beton eingesetzt werden — wenn die Aufbereitung stimmt.
Das klingt logisch. Warum passiert es dann nicht überall? Die Antwort liegt in einer Kombination aus technischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Hürden — und genau hier setzt die Forschung an.

Was die Wissenschaft dazu beiträgt
Damit Kreislaufwirtschaft am Bau wirklich funktioniert, braucht es Wissen auf vielen Ebenen. Welche Schadstoffe stecken im alten Beton — Schwermetalle, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Asbest? Wie lassen sich diese zuverlässig nachweisen und abtrennen, bevor das Material wiederverwendet wird? Wie verändert sich die Qualität von Recyclingmaterial, wenn es mehrfach im Kreislauf geführt wird? Und wie lässt sich der gesamte Materialfluss auf einer Baustelle — oder in einer ganzen Stadt — so steuern, dass möglichst wenig verloren geht?
Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem sogenannten Urban Mining: der systematischen Erschließung von Materialien, die bereits im städtischen Bestand verbaut sind. Städte sind riesige Rohstofflager. Allein in den Gebäuden, Straßen und Infrastrukturen einer mittelgroßen deutschen Stadt stecken Millionen Tonnen Beton, Stahl, Kupfer, Aluminium und seltene Metalle. Wenn wir wissen, wo was verbaut ist — und in welcher Qualität — können wir gezielt planen, wann und wie diese Materialien zurückgewonnen werden können.

Warum das jetzt wichtig ist
Die Rohstoffpreise steigen. Natürliche Lagerstätten werden knapper, der Abbau teurer und politisch immer umstrittener. Gleichzeitig verschärft die Europäische Union ihre Anforderungen an Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft erheblich. Die EU-Taxonomie, die Ökodesign-Verordnung und die überarbeitete Abfallrahmenrichtlinie setzen klare Signale: Wer morgen noch am Markt bestehen will, muss heute anfangen, anders zu bauen — und anders abzureißen.
Dazu kommt der Klimawandel. Die Herstellung von Zement ist für rund acht Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich — mehr als der gesamte Flugverkehr. Jede Tonne Recyclingbeton, die einen Teil dieser Neuproduktion ersetzt, spart nicht nur Rohstoffe, sondern auch erhebliche Mengen an Treibhausgasen. Kreislaufwirtschaft am Bau ist also kein Nischenthema für Fachleute — sie ist ein zentraler Baustein für eine klimaverträgliche Gesellschaft.

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Vortrag

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